Reiner Haseloff im SuperIllu-Sommerinterview
SuperIllu: Sie gönnen sich ein paar freie Tage, machen Urlaub im Harz. Wie sieht für Sie ein perfekter Sommertag aus?
Reiner Haseloff: Ein perfekter Sommertag im Urlaub beginnt für mich damit, dass ich nicht wie sonst zwischen fünf und sechs Uhr aufstehen muss, sondern bis halb acht ausschlafen kann. Meist reicht es sonst morgens nur für eine hastig eingeworfene Handvoll Müsli, deshalb ist mir im Urlaub das Frühstücksritual mit meiner lieben Frau wichtig - eine gemütliche Dreiviertelstunde, in der man auch mal reden kann, in die Zeitung gucken, aber nicht in den Politikteil (grinst), oder auf die schöne Landschaft, wie hier im Harz. Danach spazieren wir hinaus in die Natur, setzen uns an einem hübschen Fleckchen mit einem Buch in der Hand auf eine Bank oder in die Wiese. Das ist wunderbar entspannend. Mehr brauche ich nicht zum Glück.
SuperIllu: Wir treffen uns hier am ehemaligen Zisterzienserkloster Michaelstein beim "Klosterfischer" in Blankenburg. Was zieht Sie hierher?
Haseloff: Gabriele und ich sind bekennende Harz-Fans. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich so vieles so schön verändert. Stolberg, Quedlinburg oder eben das grüne Blankenburg mit der inzwischen sanierten, mehr als 850 Jahre alten Klosteranlage samt Fischteichen, die die Mönche zu ihrer eigenen Versorgung angelegt haben. Ich habe hier selbst jeden Tag mindestens eine fangfrische Forelle verspeist. Dazu ein guter Saale- Unstrut-Wein - herrlich!
SuperIllu: Klingt alles ganz geruhsam. Kennen Sie überhaupt Stress?
Haseloff: Klar kenne ich den. Aber Stress ist doch erst mal etwas Positives. Schwierig wird es, wenn man auch am Wochenende gar nicht mehr davon lassen kann. Zum Entstressen bringe ich auch im Urlaub den Puls auf 100 plus und zwar aktiv durch Schwimmengehen, Radfahren, schneller laufen - statt durch Stresshormone wie im politischen Alltag (lächelt).
SuperIllu: Wo liegen Ihre Lieblingsplätze im Land - auch schon aus Kindertagen?
Haseloff: Als Kinder in den 60-ern kannten wir Urlaub ja gar nicht. Am ersten Feriensonntag ging es mit den Eltern zum Ausflug. Stullen eingepackt und ab per Bus in die Wörlitzer Gärten. Das war es auch schon, war aber auch schön. Heute ist der Harz mein absoluter Favorit und seit der Wende vor allem der Brocken. In den 80er-Jahren war ja für uns an der Bahnstation Elend Schluss. Jetzt genieße ich es, ganz nach oben fahren oder gehen zu können, mitten in Deutschland. Die schönste Aussicht im Land habe ich aber in Freyburg. Der Blick in dieses liebliche Tal über die Weinberge hinunter auf die Unstrut - das ist mein heimisches Paradies.
SuperIllu: Was lieben Sie so am Sommer?
Haseloff: Ich liebe den Duft der Wildblumen auf den Sommerwiesen, in denen die Bienen und Hummeln summen. Das erinnert mich daran, wie ich als Kind, wenn ich meinen Eltern beim Heumachen geholfen habe, gerne mal rücklings in der Wiese abgetaucht bin (grinst),den Wolken hinterherträumte, meinen Fantasien nachhing.
SuperIllu: Können Sie heute auch noch so richtig faulenzen?
Haseloff: Den Schalter umklappen - das kann ich wunderbar. Der geistige Wechsel gelingt am besten, wenn ich ein Buch zur Hand nehme, thematisch etwas abseits der Politik, aus der Religion oder den Naturwissenschaften. Lesen ist Meditationstechnik für mich. Da kann ich bestens abtauchen und abschalten.
SuperIllu: Werden wir politisch: Im April sind Sie Ministerpräsident geworden. Wie regiert es sich weiter mit Schwarz-Rot in Sachsen-Anhalt?
Haseloff: Die Zusammenarbeit mit der SPD kann ich im Rückblick auf die vergangenen 100 Tage nur als sehr gut bezeichnen. Und den direkten Umgang mit Finanzminister Jens Bullerjahn empfinde ich persönlich sogar als noch intensiver und freundschaftlicher. Die Fortsetzung der Großen Koalition war die richtige Wahl für die Zukunft des Landes, das hat sich als richtig erwiesen. Die beiden auf Bundesebene miteinander konkurrierenden Volksparteien bilden in Magdeburg ein gutes Gespann und sind genau das Richtige fürs Land.
SuperIllu: Stichwort Bundeswehrreform. Im Herbst will Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) seine Streichliste vorlegen. wie viele Standortschließungen kann Sachsen-Anhalt verkraften?
Haseloff: Ich kenne keinen Standort, der im Zuge der Reform zur Disposition gestellt werden dürfte. Sachsen-Anhalt liegt bei der Standortdichte ganz hinten, ist aber bei der Bereitschaft, Dienst zu tun und auch ins Ausland zu gehen, überproportional vertreten. Wer diese Bereitschaft zum Dienst auch in einer Freiwilligenarmee erhalten will, muss bei uns weiter Präsenz zeigen und erlebbar sein. Ganz ungeschoren bleiben wir wohl angesichts der immensen Kürzungen kaum. Allerdings sind in Burg, Havelberg und Weißenfels seit der Wende zweistellige Millionensummen investiert worden, die Standorte sind auch als Transfers für Auslandseinsätze, etwa nach Afghanistan, bestens ausgerüstet. Aus den bisherigen Gesprächen mit Verteidigungsminister de Maiziere weiß ich, dass er sehr verantwortungsvoll damit umgehen wird. Und ich erwarte, dass seine Entscheidung im Kabinett begründet und durchdacht sein wird.
SuperIllu: Mitten im politischen Sommerloch fordert CSU-Chef Seehofer eine neue Einnahmequelle, die Pkw-Maut, um den "riesigen Infrastrukturstau" abzubauen. Die Kanzlerin hat sie stets abgelehnt. Sehen Sie Chancen für den Vorschlag aus Bayern?
Haseloff: Die Infrastrukturlücke zwischen Ost und West existiert. Auch wenn es in Nordrhein-Westfalen sicher deutlich mehr Schlaglöcher auf den Straßen gibt als in Bayern. Um das Infrastrukturloch zu schließen, müssen wir die Steuereinnahmen der nächsten Jahre nutzen. Auch deswegen ist aus meiner Sicht jede Steuersenkung wie auch eine Soli- Streichung indiskutabel. Ich bin gerne bereit, auf Dauer diesen Soli zu zahlen, damit mit unserem Geld auch hier aus dem Osten die Sanierung der Straßen im Westen mitfinanziert wird.
SuperIllu: Und da könnte eine Pkw-Maut nicht ihren Teil beisteuern?
Haseloff: Eine Pkw-Maut kann nur eingeführt werden, wenn gleichzeitig eine Entlastung bei der Energiesteuer für die Steuerzahler erfolgt. Das gehört in eine längst überfällige, generelle Überarbeitung des Wirrwarrs, das in unserem Steuersystem entstanden ist. Das muss angepackt werden, ist aber vor der nächsten Bundestagswahl 2013 nicht zu realisieren. Horst Seehofer wird sich also gedulden müssen.
Mit Reiner Haseloff sprach Kerstin Wintermeyer. In: SuperIllu, 18.8.2011
